Umwelt als Faktor von Kreativität
Gerade aufgrund seiner Soziabilität ist der kreative Mensch nicht denkbar ohne seinen physischen und sozialen Bezugsrahmen und das daraus resultierende Konfliktpotential. Seine Umwelt ist die Gesellschaft bzw. die Gruppe.
Kreativität ist eine gesellschaftsverändernde, aktive und gestalterische Kraft. Sie ist die Gegenkraft zu Tradition und Stabilität. Beide Kräfte, Erneuerung und Stabilisierung, stehen in enger Verbindung zueinander. Erneuerung ist nötig, um eine Gesellschaft den veränderten Bedürfnissen des Menschen anzupassen. Tradition und Stabilität kompensieren die Instinktarmut des Menschen und bieten ihm den nötigen Schutz.
Idealerweise befindet sich eine Gesellschaft im Gleichgewicht dieser Kräfte. Sieht sich eine Gesellschaft jedoch in ihrer Stabilität bedroht, verstärkt sie die soziale Kontrolle und verhindert die Entfaltung von Kreativität. Kreativität wiederum ist eine Reaktion auf die Umwelt. Eine zu enge gesellschaftliche Kontrolle kann durch Kreativität gesprengt werden.
Kunst besitzt hier eine wichtige regulative Funktion. Sie ist eine Form institutionalisierter Kreativität [25]. In der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft besitzt der Künstler die Legitimation zu öffentlichem Nonkonformismus. Durch die gesellschaftliche Integration der Kunst als "Genußmittel" wird das kreative Produkt zugleich seines "revolutionären" Potentials beraubt und entpolitisiert. Bedenklich scheint dies nur insoweit, als Kunst zum Konsumgut degradiert wird und eigene Aktivität nicht mehr vonnöten scheint.
Mangel an Kreativität und Eigeninitiative ist ein Indiz einer Gleichgewichtsstörung zwischen angemessener Kontrolle und Kreativitätsbedürfnis. Unsere Gesellschaft ist stark geprägt durch Rationalität einerseits und raschen technischen Wandel andererseits. Dieser rasche Wandel entspricht jedoch oftmals nicht den allgemeinen psychischen Bedürfnissen, sondern erzeugt vielmehr einen zunehmenden Wunsch nach materieller bzw. emotionaler Beständigkeit. Rigides und "kreativitätsfeindliches" Verhalten ist die Folge. Die Chancen zur Kreativitätsentwicklung reduzieren sich dadurch deutlich. Da die Bereitschaft zu emotionalem Risiko ab- und das Bedürfnis nach Sicherheit heutzutage zuzunehmen scheint, entwickeln sich nur wenige Menschen zu einem unabhängigen, kreativen Menschen.
Obwohl prinzipiell jeder Mensch "kreative" Eigenschaften besitzt, ist es individuell völlig unterschiedlich, ob und in welchem Maße er tatsächlich Kreativität entwickelt. Kreativitätsentwicklung ist ein natürlicher Prozeß, der durch äußere Einflüsse gefördert oder gehemmt werden kann.
G. Rico stellt die Kreativitätsentwicklung anhand eines dreistufigen Phasenmodells dar: die "naive", die "konventionelle" und die "kultivierte Phase des Sehens, Hörens und Gestaltens" [26].
Die "naive" Phase (ca. 2.-7. Lebensjahr) ist gekennzeichnet durch die Naivität der Wahrnehmung und die Fähigkeit des Staunens. Die Vorstellung von der Welt ist noch nicht festgefügt; Realität und Fiktion sind identisch. Das Kind ist neugierig, unvoreingenommen und weltoffen. Seine Denkweise ist ganzheitlich, bildhaft und "unlogisch", d.h. ausgeprägt rechtshemisphärisch. Die Fähigkeiten der linken Hemisphäre sind noch wenig ausgeprägt.
In der "konventionellen" Phase (ca. 8.-16. Lebensjahr) beginnt, verstärkt durch den Schuleintritt, die Herausbildung des linkshemisphärischen, logischen Denkens. Das Kind internalisiert die Vorstellungen seiner Umwelt und orientiert sich an allgemeinen Normen. Die Wahrnehmung wird detaillierter, das Gefühl der Ganzheitlichkeit geht verloren. Spontaneität und Originalität nehmen ab. Der Mensch paßt sich an.
Die "kultivierte" Phase bringt den unabhängigen, kreativen Menschen hervor, der beginnt, eigene Werte aufgrund der eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. In einer Phase scheinbaren Rückschritts entdeckt der Mensch seine naive Wahrnehmung wieder und belebt kindliche Wahrnehmungs- und Ausdrucksweisen neu. Die unreflektierte Identifikation der konventionellen Phase weicht einer partiellen, reflektierten Identifikation.
Der "kultivierte" Mensch ist zugleich ein innerlich unabhängiger. Der Eintritt in diese Phase erfolgt nicht gebunden an ein bestimmtes Alter, sondern kann auf unterschiedliche Weise ausgelöst werden.
Optimale Kreativitätsentwicklung setzt entsprechende Sozialisationsbedingungen voraus. Sind diese nicht oder nicht ausreichend vorhanden, können Blockaden (Hemmungen) auftreten und die Entwicklung einschränken oder völlig verhindern.
Eine fördernde Umwelt
- vermittelt eine positive (bewußte wie unbewußte) Grundhaltung gegenüber dem Menschen und seiner Kreativität (Wertschätzung, Vertrauen),
- berücksichtigt die Bedürfnisse und Fähigkeiten des einzelnen,
- läßt Spontaneität und Bedürfnisäußerung zu,
- bietet konstruktive Möglichkeiten der Kommunikation,
- unterstützt die Selbstbestimmung des Menschen,
- verhält sich "demokratisch" bzw. nicht hierarchisch,
- ist neuen Ideen und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen und interessiert,
- bietet Ermutigung, Unterstützung und positive Rückkopplung bei kreativem Verhalten,
- bietet Räume, in der Kritik nicht oder nur in konstruktiver Weise geschieht,
- bietet angstfreie Räume, in denen sich Kreativität entwickeln darf,
- betrachtet Kreativität als Bereicherung und
- ist selbst kreativ und relativ angstfrei.
Eine hemmende Umwelt
- ist gleichgültig, kommunikationsarm und -unwillig,
- ist neuen Ideen und Veränderungen gegenüber ablehnend,
- erzeugt oder verstärkt im Menschen Gefühle der Minderwertigkeit und die Überzeugung, "das könne er nicht",
- sanktioniert Spontaneität und Expressivität und fördert Frustration und Aggression,
- betrachtet Kreativität als Bedrohung ihrer Stabilität und reagiert mit Sanktionen und negativer Rückkopplung,
- übt zu frühe und strenge Zensur,
- übt Kritik in destruktiver Weise,
- erwartet Anpassung und Unterordnung auf Kosten individueller Bedürfnisse,
- basiert auf Autorität und Machtausübung mittels Strafe und
- ist selbst unkreativ und angstbesetzt.
Eine kreativitätsfeindliche Umwelt kann den kreativen Prozeß wie auch die Kreativitätsentwicklung nachhaltig stören.
Im allgemeinen Bewußtsein wird die Gruppe als mikrokosmische Form der Gesellschaft zunehmend als die prägende und grundlegende Kraft des Soziallebens erkannt. Der Mensch verbringt den größten Teil seines Lebens in Gruppen (Familie, Kollegen usw.), wird dort sozialisiert und lebensfähig. Er bedarf der Reaktion der anderen, um sich selbst als Ich zu erfahren.
Auch kreatives Handeln geschieht immer im Bezug zu einer Gruppe - sei es, daß der Mensch in Gegenwart anderer tätig wird, sei es, daß er aus seinem Umfeld seine Impulse schöpft. Sowohl G. Ammon [27] als auch G. Neff [28] sind der Meinung, daß nur in einer lebendigen, konstruktiven Gruppe die Entwicklung des kreativen Ichs überhaupt möglich ist. Die Gruppe ist der Ort, an dem kreativitätsfördernde Umwelteinflüsse erzeugt werden können.
Darüber hinaus haben empirische Untersuchungen belegt, daß gut funktionierende Gruppen gegenüber Einzelpersonen eine erhöhte Kreativität aufweisen, sowohl in der Summe als auch für den einzelnen [29]. Sowohl die Geschwindigkeit als auch die Quantität der Aufgaben-/Problemlösungen steigt deutlich an. Kreativität in Gruppen besteht teils aus kollektiver Kreativität, teils aus den Fähigkeiten des einzelnen. Bestimmte Aufgaben können in der Gruppe besonders gut bewältigt werden. Hofstätter [30] benennt sie mit Aufgaben des
- Tragens und Hebens (Kräfteaddition)
- Suchens (statistisches Prinzip des Fehlerausgleichs)
- Bestimmens (unklare Situationen werden definiert und so geklärt)
Weitere Vorteile der Gruppe sind ihre Dynamik und ihr "pooling effect". Die Gruppe stellt einen großen Informationspool dar. Detailinformationen des einzelnen werden der ganzen Gruppe zugänglich und sorgen für gegenseitige Bereicherung. Assoziationsketten können sich gegenseitig befruchten.
Kreativitätstrainings im wirtschaftlichen Bereich machen sich diese Vorteile zunutze. Doch weitaus wichtiger als die erhöhte Gruppenleistung ist für diesen Zusammenhang die integrative, korrigierende und soziale Funktion der Gruppe. Emotionale Risiken und Unsicherheiten können in einer konstruktiven Gruppe gemeinsam getragen werden und verringern sich. Konstruktive Rückkopplung ("Feedback") ermöglicht die Korrektur und Erweiterung eigener Wahrnehmung. Konflikte können inszeniert und ihre Lösung erprobt werden. Regression und Narzißmus werden in Gruppen abgeschwächt [31], die Beseitigung von Ängsten bzw. Widerständen fällt leichter. In der Auseinandersetzung mit der Gruppe korrigieren bzw. relativieren sich eigene Meinungen, Ängste und Überreaktionen.
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