Schriftliche Poesie - von der Antike in die Neuzeit
Mit der Entwicklung und Durchsetzung der Schrift wird aus der mündlichen Poesie Literatur. Freie Imagination wird in schriftliche Ordnung gebracht. "Sprachmagie" wird zur "Schriftmagie" [60]. Die Schrift wird zum Abbild der Welt.
Mit der Entwicklung und Durchsetzung der Schrift (von 10.000-1.000 v. Chr.) und dem nun einsetzenden Einfluß des Logos ändert sich die Dichtung grundlegend. Der anonyme, in Gruppen agierende Dichter wird zum individuellen, "einsam Schaffenden". Aus spontaner Dichtung wird durchdachte Dichtung. Präzise Darstellung tritt an die Stelle der emotionalen archaischen Kunst. Die Urpoesie verliert ihre Kraft unter dem wachsenden Einfluß des Logos.
Mit Homer (um 750 v. Chr.) werden die mythischen Epen der fahrenden Sänger verschriftlicht. Der Einfluß des Logos wird nun in den Literaturmythen der Griechen sichtbar. Es herrscht die Vorstellung von der göttlichen Herkunft der Schriftzeichen. Die ersten Bücher werden den Göttern zugeschrieben.
In der griechischen Antike wird der Wandel dichterischer Formen besonders deutlich sichtbar. Im Dionysoskult (um 800 v. Chr.) bilden sich, noch im Rahmen religiöser Ekstase, die Urformen des Dramas. Aus der rituellen Maskierung und dem szenischen Rollenspiel dieses Kultes entsteht die griechische Tragödie. Die magische Sprache des Ich wird zur Sprache des Dialogs, des Du. Dies ist die Dichtung der Mystik. Sie ist gekennzeichnet durch die Polarität der Welten, innen und außen, Du und ich, Leben und Tod. In der Katharsis der griechischen Tragödie finden diese Gegensätze ihre Auflösung.
Mit der Tragödie verschwindet die Ekstase schamanistischer Dichtung. Emotionen werden nun in "theatralische Bahnen" [61] gelenkt; die ekstatischen Erlebnisse des Schamanen werden dramatisch dargestellt. Die Rolle des Schauspielers ersetzt die spirituelle Besessenheit. Spuren des Schamanismus finden sich jedoch noch im Gebrauch von Masken. Mit ihrer Hilfe vollzieht sich die Verwandlung der Identität.
Die mythische Dichtung wird in der griechischen Antike durch das schriftliche Epos verkörpert (Homer, Hesiod; ab 750 v. Chr. [62]). Die Ependichtung des fahrenden Sängers wird verschriftlicht.
Im 7. Jh. v. Chr. entwickelt sich die religiöse Bewegung der Mysterienkulte. Die Vernunft wird als "Prüfungsinstanz" entdeckt. Sie soll Wahrheitserkenntnis liefern über Götter, Menschen und die Welt. Um 600 v. Chr. erscheinen die ersten Philosophen, die auf rationale Weise die "Prinzipien des Seins" erforschen wollen.
Das 5. Jh. v. Chr. ist der Beginn des strengen Stils der griechischen Klassik. Die Tragödie hat jetzt ihre größte Blüte. Ihre Themen sind zumeist dramatisierte Mythen. Die Dichtung verliert endgültig ihren "göttlich inspirierten" Charakter.
Die Lehren des Aristoteles (384-322) markieren den Wendepunkt zwischen Archaik und "modernem" Denken [63]. Mit ihm wird die Philosophie als Erkenntnis der Welt zur strengen Wissenschaft. Die Vernunft wird Grundstein des menschlichen Bewußtseins. Dichtung gilt als lehrbar.
Im Ausgang des Mittelalters, Mitte des 15. Jh., verändert die Erfindung des Buchdrucks die Schriftkultur erheblich [64]. Die Verbreitung der Bildung sowie die Entstehung der Buchkultur sind die Folge. In den Wissenschaften beginnt man, Theologie und Philosophie zu trennen.
Mit der Renaissance wird in den adeligen Salons das Schreibspiel wiederentdeckt, das schon in der Antike sehr verbreitet war und nun zu einem beliebten gesellschaftlichen Vergnügen wird.
Vor allem verbreitet sich das Schreib- und Sprachspiel in der "Stadt- und Hofkultur" [65] Oberitaliens. Am Hofe führt man Wettstreit-Spiele durch. Doch auch in der asiatischen Welt, namentlich in Japan, entstehen bereits im 12. Jh. am feudalistischen Hofe kollektive und individuelle lyrische Schreibspiele. Die Barockdichtung setzt die Tradition der Schreibspiele in "geselligen Damenzimmern" fort.
Der Sturm und Drang (1767-1785) bringt eine neue Vielfalt an Schreibtechniken und Schreibspielen hervor. Er ist von der Urpoesie beeinflußt und will zurück zum emotionalen Ursprung. Im Sturm und Drang überwiegen die ungeplanten, "automatischen, grundsätzlich intuitiven und offenbar anstrengungslosen Techniken des Schreibens" [66]. Sie sind die Vorläufer der ungelenkten Schreibtechniken (vgl. A II 1.3).
In der Klassik (1786-1805) nimmt die Schreibplanung wieder zu. Sie orientiert sich am Vorbild der griechischen Antike und deren Poetik (= Lehre von der Dichtung). Die Ästhetik spielt eine übergeordnete Rolle. Tugenden und Mängel stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Gearbeitet wird nach genauem Plan und Anlage. Es überwiegen Schreibtechniken "mühseliger Gewissenhaftigkeit und Übergenauigkeit" [67].
Die Romantik (1789-1835) greift die Entdeckung des "somnambulen Heilschlafs" [68] (Hypnose) durch F. A. Mesmer auf, der noch vor S. Freud einen Zugang zum Unbewußten entdeckte. Die Romantik erkennt im Schreibprozeß einen Zustand von Somnambulismus und entdeckt wesentliche Ähnlichkeiten zwischen Traum, Tagtraum und Märchen.
Besonders bedeutend für die Romantik ist die Entdeckung des archaischen Volksmärchens durch die Gebrüder Grimm. Es verbindet in einfacher Weise Bewußtes und Unbewußtes, Alltag und Magie. Das Märchen wird "Medium der Bearbeitung des Unbewußten" [69]. Techniken und Formen des Märchenschreibens wie beispielsweise das Kunstmärchen entstehen; Erzählgrundmuster des Märchens werden in die romantische Dichtung übernommen. Novalis erstellt ausführliche Prinzipien romantischen Schreibens. Kollektives Romanschreiben wird als "Sympoesie" (= gemeinsame Poesie) praktiziert. In der Sympoesie sollen poetische Kräfte intensiv auf die Schreiber einwirken und eine "heilende Verbindung" untereinander schaffen. Sie ist ihr intensivstes Mittel zur poesietherapeutischen Selbsthilfe. Auch Schreiben nach Träumen wird praktiziert. Man glaubt, durch Schreiben unbewußte Gefühlskomplexe bearbeiten zu können und so zu einer neuen Integration der Persönlichkeit zu gelangen.
Das Ziel des romantischen Schreibens ist "die heilende Begegnung mit den tiefsten Symbolen des Unbewußten" [70]. Es beschäftigt sich mit dem Alltäglichen und will Gefühls- und Sinnqualitäten verbessern. Verdrängtes soll wiederbelebt, die Selbstentfremdung des industriellen Zeitalters soll überwunden werden.
Ende des 19. Jh. entwickelt Emile Zola in Frankreich ein grundlegend neues Vorgehen, das Einfluß auf die gesamte europäische Literaturentwicklung nimmt: im Naturalismus wird die Gesellschaft als Naturprozeß gedeutet.
Das höchste Ziel des Naturalisten ist die Abbildung sozialer "Naturverhältnisse". Auf diese Weise will er einen Beitrag zu "aufklärender Veränderung" leisten. Seine Schreibtechniken sind auf Erforschung, Beobachtung und Wiedergabe der Gesellschafts- und Individualnatur gerichtet. Sie kennzeichnen sich durch den bewußten Einsatz aller fünf Sinne. Die äußere, komplexe Realität soll in eine "vollsinnliche Sprache" [71] verwandelt werden. Die Einfühlungskraft erfährt in dieser Zeit eine enorme Aufwertung. Schreibimpulse erhält der Dichter durch die "schlimmsten Seiten" der Realität. Die Helden naturalistischer Texte sind Unangepaßte, Gescheiterte und Personen aus der "subproletarischen Schicht" [72].
Der Naturalismus gilt als erste moderne Schreibtechnik. Seine Grundlage ist die moderne Naturwissenschaft: Erkenntnis durch Beobachtung. Sein Axiom lautet: Der Mensch ist ein soziales Wesen, das durch seine Umwelt, sein Milieu und seine Abstammung geprägt wird. Ziel dieser Dichtung ist nicht die Fiktion, sondern die Abbildung der Realität; ihr Material ist authentisch. Diese Dichtung "will nicht mehr 'schön' sein", sondern "wahr" [73].
Die Widersprüche der sich ausbreitenden industriellen Produktion haben in der Bevölkerung eine zunehmende Verbreitung psychischer Konflikte zur Folge. S. Freud spricht als erster von der Neurose. 1900 veröffentlicht er sein Buch über die Traumdeutung. Der Expressionismus ist eine Reaktion auf S. Freuds Tiefenpsychologie.
Der Expressionismus beschäftigt sich intensiv mit dem Unbewußten und dem neurotischen Konflikt. Doch anders als Freud, der die Fremdanalyse propagiert, entwickelt der Expressionismus die poetische Selbstanalyse. Der Expressionist ist exzessiv; er sucht die Verschmelzung. Er befreit die Sexualität von der strengen wilhelminischen Moral. Ziel des Expressionisten ist die Selbstheilung. Ort der Heilung ist die Schreibgruppe des Literaturcafés.
Die expressionistische Sprache ist die des Unbewußten. Ihre Dichtung kennzeichnet sich durch Neologismen (Wortneuschöpfungen), originelle Syntax und Sprachrhythmen sowie ungewöhnliche Metaphern. Auch die (Farb-) Symbolik findet häufige Verwendung. Die Textarbeit erfolgt nach strikt festgelegten Kriterien. Eine wichtige Schreibtechnik ist die freie Assoziation (vgl. Abschnitt "Schreibtechniken"), die im Surrealismus ihre volle Bedeutung erlangt.
Der Surrealismus, der seinen Hauptsitz in Frankreich hat, durchläuft seinen Höhepunkt zwischen 1924 und 1930. Er versteht sich ursprünglich nicht als "literarische" Bewegung. Sein Wunsch ist vielmehr, "die Welt noch einmal mit magischen Kinderaugen anzusehen" [74].
Der Surrealist will den "Trennungsmechanismen der Ganzheit des Seins" [75] entgegenwirken. Dazu propagiert er eine "Über-Wirklichkeit" [76]. Um diese zu erreichen, bedient er sich der Mittel des Traums, des automatischen Schreibens und der psychoanalytischen Erkenntnisse.
Das grundlegende Verfahren des Surrealisten besteht darin, zwei scheinbar wesensfremde Realitäten auf einer ungeeignet scheinenden Ebene anzunähern. Seine Anregungen erhält er aus dem Alltag. "Ziel ist die Irritation des Vorhandenen, die Kultivierung einer systematischen Verfremdung." [77] Im Angriff auf die "Bürgerlichkeit" ist auch der Skandal eine beliebte Waffe. Die psychische Struktur des Schreibprozesses selbst wird Inhalt des Schreibproduktes. Gegensätze zwischen Bewußtem und Unbewußtem, Rationalem und Irrationalem werden aufgelöst.
Mit der Selbsthilfebewegung der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt sich das kreative Schreiben. Ein ganzheitliches Verständnis von Mensch und Umwelt verbreitet sich. Das klassische fremdbestimmte Krankheitsmodell wird ersetzt durch die persönliche Selbstverantwortung. Man besinnt sich auf die Kräfte (Ressourcen) des einzelnen. Zur gleichen Zeit erreichen die kreativen Kulturtherapien Europa (Mal-, Tanz-, Musiktherapie usw.). So wird das Schreiben als vielseitiges Ausdrucksmittel und Medium der Selbsterkenntnis entdeckt. Auch die Psychoanalyse gewinnt einen Zugang zum schreibenden Menschen, dessen "schöpferisches Geheimnis" sie im Expressionismus und Surrealismus für unlösbar hielt. Schreiben wird Medium der Therapie; die europäische Poesietherapie bildet sich [78].
Dies wirkt sich in der Schreibkultur aus: neben den etablierten "Literaturbetrieb" der professionellen Autoren tritt eine "Schreibbewegung der Laien", die sich in privaten Interessengruppen zusammenfindet und Schreiben zum persönlichen Zweck einsetzt: als Hobby, als Schlüssel zur Selbsterfahrung oder als politisches Sprachrohr.
Doch worin liegt die Besonderheit des kreativen Schreibens? Sie liegt zum einen in der Vielfalt seiner Arbeitsmittel und Anwendungsbereiche und zum anderen in der Intensität und Komplexität der Prozesse, die es bewirkt. Die Mittel des kreativen Schreibens werden im folgenden Kapitel vorgestellt.
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