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postheadericon Schreibfähigkeit als Grundlage des Kreativen Schreibens

Schreibfähigkeit (oder Schreiben) ist die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken und ein Mittel, seelische wie geistige Anlagen, Talente und Fähigkeiten zu entfalten. Schreiben ist kreative Spracharbeit, eine innere, geistige Tätigkeit und ein Akt mit persönlicher Verbindlichkeit.

Im Unterschied zum Sprechen besitzt Schreiben einen ausgeprägt motorischen, handwerklichen Charakter. Das Schreiben erfolgt gegenüber dem Sprechen verlangsamt; der Schreibende kann zögern, korrigieren und entwickeln und drückt sich bewußter aus, als wenn er spricht.

Die Schreibtätigkeit erfolgt situationsgebunden. Sie ist abhängig vom Schreibanlaß, der Schreibintention, dem Adressaten und seiner Erwartung sowie von der Schreibhaltung des Schreibenden. Der Adressat ist der potentielle Kommunikationspartner des Schreibers. Er kann als Ich-Adressat zur inneren Kommunikation oder als äußerer Adressat existieren.

Schreiben bietet umfassende Möglichkeiten des Selbstausdrucks. Der Selbstausdruck ist jede Form der Handlung, die direkt oder indirekt etwas über die individuellen Charakteristika und Eigenschaften einer Person offenbart. Umfassend sind die Möglichkeiten des Selbstausdrucks im Schreiben insoweit, als sich in Texten alles spiegeln läßt, was ein menschliches Bewußtsein prägt. Bewußtsein bedarf als Medium der Sprache. Was ein Mensch nicht formulieren kann, kann er nicht begreifen. Aber auch Unbewußtes läßt sich durch Schreiben externalisieren, vor allem in Form von Bildern, Metaphern oder Symbolen. Gerade Symbole transportieren häufig unbewußte Inhalte, die durch Deutung zugänglich werden. Ein Text besteht also immer aus bewußten und unbewußten Ebenen.

Schreiben ist immer ein Akt der Selbstäußerung. Auch ein verfremdeter oder sachlicher Text läßt noch die Spuren seines Autors erkennen. Dies liegt im individuellen, kreativen Charakter von Sprache begründet. Eine Sprache legt nicht fest, wie ein Sachverhalt darzustellen ist, sondern sie bedarf der Interpretation und Gestaltungsabsicht ihres Sprechers. Auch die Vielfalt des schriftlichen Ausdrucks basiert auf der Variabilität von Sprache und ihrem individuellen Charakter. So kann jeder beliebige Sachverhalt, jedes Gefühl oder jede Erfahrung in völlig unterschiedlicher Weise ausgedrückt, dargestellt und verarbeitet werden. Grundlegend ist die Gestaltungsabsicht des Schreibenden.

Die Menschheit hat im Laufe der Zeit ein großes Repertoire an Gestaltungsmöglichkeiten und Schreibweisen hervorgebracht, auf die ein Schreibender zurückgreifen kann (vgl. Abschnitte "Poesieproduktion" und "Praxis des Kreativen Schreibens"). Aber er kann auch neue Schreibformen entwickeln, und es liegt in seiner Kreativität, seine eigenen, charakteristischen Wege des schriftlichen Ausdrucks zu entwickeln. Dies ist, was im kreativen Schreiben mit dem "eigenen Stil" gemeint ist.

Die Potentiale des Schreibens sind vielfältig. Schreiben erschließt dem Schreibenden seine inneren Quellen und gestattet die Entfaltung der Phantasie, ist ein Weg der Bewußtwerdung, der Selbstdefinition und -erfahrung, ein Weg zu kritischem Denken und nicht zuletzt ein Weg zu kreativer Entfaltung. Schreiben gestattet den Entwurf jeglicher denkbarer Welten sowie das Ausleben und Erproben neuen, unterdrückten Verhaltens. Durch das "Hinausverlagern" und Formulieren werden geistige und seelische Inhalte greifbar; der Schreibende gewinnt Distanz zu sich selbst, zu seiner Lebenswelt und zu gesellschaftlichen Erwartungen. Als Medium kann Schreiben Schutz bieten. Bewußte Sprachgestaltung, Verdichtung, Symbolisierung oder Verfremdung können den Ausdruck persönlicher Konflikte vereinfachen. Zugleich bietet Schreiben die Möglichkeit, sich zu äußern, ohne sich zu ent-äußern. Die Äußerung besteht im "Schreiben für sich". Erst in der Entäußerung macht der Schreibende seine Text anderen zugänglich und setzt sich der Kritik seiner Leser aus.

Man kann zwischen verbindlichem und freiem Schreiben unterscheiden [44]. Das freie Schreiben ist am Schreibenden orientiert, ist stark subjektiv und bietet ein hohes Maß an Freiraum für den Selbstausdruck. Es dient der intrapersonalen Kommunikation, und der Autor erwartet das Verständnis des Lesers. Es ist persönlich, emotional und authentisch. Die Kritik von außen spielt eine untergeordnete Rolle. Die Kunst dieses Schreibens ist, unabhängig und für sich selbst zu schreiben. Eine akzeptierte freie Schreibform ist z.B. das Tagebuch.

Das verbindliche Schreiben ist primär am Adressaten orientiert und schränkt die Möglichkeiten des Selbstausdrucks ein, da formale Kriterien eine große Rolle spielen. Es dient der extrapersonalen Kommunikation. Die Kunst des verbindlichen Schreibens besteht darin, sich klar, interessant und wirkungsvoll auszudrücken. Der objektive, weniger der subjektive Inhalt eines Textes steht im Vordergrund. Verbindliches Schreiben setzt die "Übersetzung" der inneren Sprache in eine für andere verständliche Sprache voraus. Vom Adressaten wird der Text anhand qualitativer Kriterien beurteilt. W. Gössmann benennt diese Kriterien mit recte (= sprachlich richtig), bene (=stilistisch gut und verständlich) und vere (wahr, glaubwürdig) [45].

Der Schreibprozeß entspricht dem kreativen Prozeß. Er kann bezeichnet werden als der Versuch, eine sprachlich adäquate Umsetzung aus der inneren in die äußere Sprache zu finden, und er besteht aus spontanen und bewußten Gestaltungsabsichten. Vereinfacht kann der Schreibprozeß in zwei Phasen unterteilt werden: Die erste Phase besteht in der Ausbildung von Vorstellungen und Formulierungsversuchen in der inneren Sprache. Die zweite Phase umfaßt die Umsetzung in die äußere Sprache.