Mündliche Poesie - die archaische Zeit
Über 100.000 Jahre existierte Poesie ausschließlich in mündlicher Produktion und Überlieferung. Seit der frühesten Steinzeit, als die menschliche Sprache beginnt, sich zunehmend zu differenzieren, ist Poesie Teil menschlicher Kultur. Archaische Kulturen bringen die ersten poetischen "Techniken", "Gattungen" und "Künstler" hervor. Sie werden Grundlage jeglicher Dichtung.
Magie, Mystik und Mythos als "historische Weltanschauungsstufen der Menschheit" [48] prägen die wesentlichen Stadien der frühen Poesieentwicklung. Sie münden im Logos (griech. = Vernunft) der griechischen Antike, dem Grundstein der neuzeitlichen Welt.
Die "magische Urpoesie" (oder auch "archaische Poesie" [49]) entsteht in frühester Zeit menschlicher Kultur. Jäger und Sammler kennen die Ekstase ritueller Zeremonien. Die Schamanen sind ihre Mittler zwischen Mensch und Gottheit, Diesseits und Jenseits.
Magische Urpoesie ist Volkspoesie, mündliche Dichtung, Improvisation. Der archaische Dichter ist der Schamane im Kreis seines Stammes. Er verkörpert die Allmacht der magischen Phantasie, ist "Retter und Seelenführer" [50] zugleich. Seine Dichtung entsteht in der kollektiven, rituellen Ekstase schamanistischer Séancen. Diese Dichtung ist spontan und zutiefst emotional. Sie spricht aus dem Unbewußten, erzählt von schamanistischen Flügen ins Jenseits. Ihr Charakter ist heilend, beschwörend und religiös.
Diese Sprache ist rituell und magisch. Ihre Elemente sind die Anrufung, Wiederholung und Rhythmisierung.
Schamanistische Sitzungen sind "Gesamtkunstwerke" (A. Lommel) [51]. Sie vereinigen Tanz, Musik und Lyrik und erfüllen zugleich eine bedeutsame religiöse und gesellschaftliche Funktion.
Der Schamanismus bringt "die erste systematische Technik inspirativer Dichtung" [52] hervor: die "Technik des Schamanisierens" [53]. Mit deren Hilfe gelingt es dem Schamanen, seine Ich-Identität zu zerstören, Zugang zum Unbewußten zu erlangen, Imagination und Phantasie freizusetzen. So bedient sich die schamanistische Sitzung z.B. der Erzeugung extremer Körpererfahrungen (Schwitzen, Fasten, Isolation), des Drogengebrauchs oder akustischer Reizüberflutung, um das "magische Bewußtsein" [54] zu erlangen.
Im Ursprung ist der Schamanismus weiblich. Er entsteht in "vorpatriarchalischen Pflanzergesellschaften" [55] aus verschiedenen Quellen. Es herrscht eine Muttergottheit. Die Schamanin (Zauberin oder Hexe) spielt eine zentrale Rolle in der Lebensbewältigung. Sie ist ambivalent, besitzt die Macht des Führens, aber auch des Verführens. Sie bedient sich des Zauberworts und beherrscht so Mensch und Natur. Sie ist "poetische Prophetin" [56]. Ihre Spuren finden sich in vielen Mythen folgender Zeiten.
Im beginnenden Patriarchat wird die Frau als Schamanin allmählich ausgegrenzt. Der männliche Schamane übernimmt ihre Rolle. Er will nicht mehr die Natur beherrschen, sondern den "inneren" Menschen berühren, zur Katharsis (= Reinigung, Entladung) führen. Er bedient sich schamanistischer Instrumente sowie des magischen Gesangs und erweitert so die weibliche Dichtung.
Der magischen Phantasie dieser Phase entspricht das noch nicht vorhandene, sich allmächtig ahnende Ich des Kleinkindes, das mit allem verschmolzen ist. Die Sprache des Ichs ist Kern dieser frühen Dichtung.
Magische Dichtung ist ausschließlich emotional, trägt noch nicht die "logischen" Züge späterer Formen. Diese Urform ist noch kollektives Produkt. Sie ist geprägt von Inspiration und Spontaneität, entsteht in Wechselwirkung zwischen Schamane/in und "teilnehmenden Gläubigen" [57].
Um 8.000-1.500 v. Chr. entstehen die ersten Städte im mitteleuropäischen Raum. Es ist die Zeit der Megalithkulturen. Handwerk und Seehandel entstehen, ebenso die ersten größeren Höfe des frühen Adels. Das "Zeitalter der Heroen" [58] nimmt hier seinen Ursprung, das den Typ des fahrenden Sängers hervorbringt.
Im Anfang ist es der volkstümliche Sänger, der im mündlichen Epos wahre, als heilig geltende Geschichten erzählt ("epische Mythen" [59]). Ihre Ursprünge sind die Lieder des Schamanen. Das Epos handelt von Abenteuerfahrten eines Helden, seinen außergewöhnlichen Kräften, seiner Initiation durch zu bestehende Gefahren sowie seiner siegreichen Rückkehr.
Der ursprünglich volkstümliche Sänger improvisiert und interagiert in der Gruppe. Der kollektive Charakter der Dichtung ist hier noch deutlich erhalten. Der Sänger trägt seine Lieder zur Unterhaltung der Zuhörer vor. Als Dichter bleibt er jedoch anonym. Er spricht die Sprache des Es. Sein Gesang ist Lob der Dinge und der Welt.
Aus dem volkstümlichen Sänger entsteht der fahrende Sänger des Adels, der nun von Hof zu Hof zieht und noch im Mittelalter zu finden ist.
Im 5. Jh. v. Chr. entwickelt sich aus dem Typ des wandernden, anonymen Sängers allmählich der isolierte, individuelle Dichter der griechischen Antike. Mit zunehmender Verschriftlichung der Epen entsteht die Idee der Fiktionalität. Dichtung wird verweltlicht. Das Epos wird zu Literatur. Die Geschichten verlieren ihre göttliche Bedeutung. Der "Musenkuß" ist nun die Quelle der Inspiration. Der Zugang zur Dichtung, das Lesen und Schreiben wird Sache der Gelehrten.
Die Weltanschauung dieser Zeit ist mythisch. Sie erfaßt die Realität. Regional zeigt sich hier bereits ein Einfluß, der in der griechischen Antike erst mit Homer (um 750-650 v. Chr.) in schriftlicher Form zutage treten wird und dem die mystische Phase des Dionysoskultes (um 800 v. Chr.) vorausgeht.
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