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postheadericon Die Person als Faktor von Kreativität

Eine Person ist geprägt durch ihre Fähigkeiten, Motivationen, Persönlichkeitsmerkmale und Einstellungen [3]. Ihre Kreativität wird bestimmt durch die individuelle Ausprägung dieser Variablen.

Den menschlichen Fähigkeiten liegen drei wesentliche Fähigkeitsbereiche zugrunde, die im kreativen Prozeß eine wichtige Rolle spielen: der kognitive, der affektive und der produktive Bereich. Der kognitive Bereich umfaßt "alle Formen des Erkennens und Wissens" [4] bzw. der Informationsverarbeitung. Der affektive Bereich bezeichnet den Bereich psychischer, persönlichkeitsbestimmender und "innerer" Eigenschaften. Der produktive Bereich ist der Bereich motorischer und physischer Aktivität. Eine Fähigkeit ist dabei "das gegenwärtig verfügbare Potential, etwas zu leisten" [5]. Sie basiert auf Begabung, bedarf aber zu ihrer Entwicklung positiver Einflüsse (vgl. Abschnitt "Umwelt").

Die wesentliche Aufgabe des kognitiven Bereichs ist die Informationsverarbeitung und -interpretation. Sein Sitz ist das Großhirn. Das Großhirn besteht aus zwei unabhängigen Gehirnhälften (Hemisphären), die über einen Nervenstrang miteinander verbunden sind [6]. Jede der beiden Gehirnhälften arbeitet verschieden bzw. entgegengesetzt; identische Informationen werden zweifach verarbeitet. Die moderne Hirnforschung spricht von der "hemisphärischen Spezialisierung"[7]. Aufgrund dieser Spezialisierung besitzt der Mensch offensichtlich zwei verschiedene "Formen des Verstandes".

Die linke Gehirnhälfte ist verantwortlich für die Fähigkeit des zerlegenden (analysierenden), logisch-linearen oder "begrifflichen Denkens" (Rico). Sie arbeitet quantitativ, sequentiell (nacheinander), logisch, detailliert und differenzierend (nach Unterscheidungen). Informative und verifizierbare Aspekte werden bevorzugt. Ihre Denkstruktur besteht aus klar abgrenzbaren Einheiten.

Linkshemisphärische Denkprozesse erfolgen konvergent, d.h. nach festen, bewährten Strukturen bzw. "konventionell" und führen zu Eindeutigkeit (eine Lösung). Sie bedürfen der gespeicherten Information (Gedächtnis). Ihre Funktion ist Eingrenzung, Zensur und Bewertung.

Die rechte Gehirnhälfte ist verantwortlich für die Fähigkeit des verbindenden (synthetisierenden), ganzheitlichen, "intuitiven" oder "bildlichen Denkens" (Rico). Sie arbeitet qualitativ, simultan und analog (nach Ähnlichkeiten). Ihre Denkweise ist bildlich, affektiv und vielschichtig. Informationen erfaßt sie in Ganzheiten bzw. fügt sie zu neuen Systemen zusammen (Rekombination).

Rechtshemisphärische Denkprozesse erfolgen divergent, d.h. "unkonventionell" und "experimentell" und führen zu Originalität und Vieldeutigkeit (mehrere Lösungen). Ihre Funktion ist integrierend und ausweitend. Wo der gespeicherte Erfahrungsschatz der linken Gehirnhälfte nicht ausreicht, stellt die rechte Hemisphäre neue Verbindungen und Assoziationen zur Verfügung. Sie beherrscht den Umgang mit Ambiguitäten, Widersprüchen und Paradoxen.

Den kognitiven Fähigkeiten liegen gemäß J.P. Guilford [8] fünf Denkoperationen zugrunde: Gedächtnis, Erkenntnis, divergentes Denken, konvergentes Denken und Bewertung.

Das Gedächtnis ist der Wissensspeicher des Menschen. Hier werden Informationen gesammelt, die bei Bedarf reproduziert oder wiedererkannt werden können. Das Denken geschieht entsprechend der "hemisphärischen Spezialisierung" auf zweierlei Weise. Das divergente Denken (lat.: in entgegengesetztem Sinne, in verschiedenen Richtungen auseinandergehend) ist die rechtshemisphärische Form des Denkens (s.o.). Es verbindet viele und offensichtlich nicht zusammenhängende Elemente der Erinnerung durch assoziative Brücken und erzeugt dadurch überraschende und "innovative" Lösungen.

Das konvergente linkshemisphärische Denken verknüpft Informationen und Wissen in Richtung auf eine korrekte Lösung für ein bestimmtes Problem. Es ist zielgerichtet und fixiert und erfordert das Wissen vorheriger Erfahrung. Seine Ergebnisse sind nicht "neu", sondern "bewährt". Die Erkenntnis ist die wissenserweiternde Instanz. Sie aktualisiert das Wissen des Gedächtnisses. Die Ergebnisse des divergenten und konvergenten Denkens werden hier zu neuen Zusammenhängen verbunden. Die Fähigkeit der Bewertung (Evaluation) ermöglicht schließlich die Überprüfung von Ideen und Lösungen auf ihre Richtig- oder Brauchbarkeit. C. Rogers [9] sieht in der unabhängigen Urteilsfähigkeit ein wichtiges Merkmal der kreativen Persönlichkeit.

Neben den kognitiven Fähigkeiten erfordert Kreativität Fähigkeiten, die zum affektiven Bereich gezählt werden können. Gemeint sind all die Vorgänge psychischer oder "innerer" Natur, die sowohl unsere Wahrnehmung als auch unser Verhalten bestimmen.

Die Tiefenpsychologie nach S. Freud hat für das Verständnis des affektiven Bereiches wichtige Impulse geliefert. Der Mensch wird von ihm als triebgesteuertes Wesen mit bewußten und unbewußten Anteilen verstanden. Freud spricht vom Es (Unbewußtes; Trieb), Über-Ich (verinnerlichte "gesellschaftliche Kontrollinstanz") und Ich (Bewußtes; integrierende Instanz zwischen Es und Über-Ich).

Während Guilford Kreativität ausschließlich vom kognitiven Standpunkt her begreift, versteht die Tiefenpsychologie Kreativität als "Triebschicksal", in dessen Verlauf Triebenergie neutralisiert und sublimiert (umgelenkt) wird. Im kreativen Prozeß regrediert der Schaffende, d.h. er kehrt auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück, wendet sich einer befriedigenden Phantasie zu, erreicht eine höhere Entwicklungsstufe (progrediert) und kehrt im kreativen Akt in die Realität zurück [10].

Der kreative Akt ist dadurch eine risikoreiche "Grenzerfahrung". Deswegen erfordert Kreativität "ich-starke" Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Offenheit, Expressivität, Problemsensitivität, Flexibilität und Spontaneität.

Risikobereitschaft ist die Bereitschaft, das natürliche Sicherheitsstreben für einen zu erwartenden Gewinn vorübergehend aufzugeben und Unsicherheit und Widersprüche bewußt in Kauf zu nehmen. Offenheit ist die Fähigkeit unvoreingenommener Wahrnehmung und die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen. Sie steht in engem Zusammenhang mit den Fähigkeiten der Problemsensitivität und Flexibilität. Expressivität ist die Fähigkeit, innere Vorgänge auszudrücken. Sie kann sich z.B. in Wort-, Ideen- oder Assoziationsgeläufigkeit äußern. Problemsensitivität ist die Fähigkeit, Spannungspotentiale (Konflikte, Widersprüche, Hindernisse) der Umwelt differenziert und "unzensiert" wahrzunehmen. Flexibilität ist die Fähigkeit und Bereitschaft zu situationsorientiertem, angemessenem und nicht-fixiertem, d.h. zu angepaßtem Verhalten. Sie ist die Fähigkeit, gedankliche Neuorientierung (Umstrukturierung) vorzunehmen und handelnd anzuwenden. Spontaneität ist die Fähigkeit zu impulsiver, "unzensierter" Handlung. Spontaneität steht in engem Zusammenhang mit dem unbewußten Bereich. Spontan zu handeln heißt, unbewußte Triebe zuzulassen.

Produktion ist die dritte grundlegende Fähigkeit des Menschen. Sie ist der Vorgang der "Veräußerlichung" menschlichen Denkens. "Die materielle Produktion ist die notwendige Voraussetzung allen menschlichen Seins"[11]. Sie basiert auf den beiden anderen Fähigkeitsbereichen und bezeichnet das Hervorbringen eines Gegenstandes oder Gedankens durch Verarbeitung und Kombination verschiedener Elemente.

Die Transformation ist der gedankliche Vorgang der Umwandlung, d.h. der Zerlegung (Analyse) und Rekombination/-interpretation (Synthese) von etwas Vorhandenem in etwas noch nicht Vorhandenes ("Neues"). Sie geschieht anhand ästhetischer Maßstäbe. Ästhetik kann verstanden werden als das Zerlegen vorhandener Objekte nach inneren Gesetzen und Maßstäben und das Sammeln, Gliedern und Erzeugen einer neuen, subjektiv geprägten Welt [12]. Die Fähigkeit der Transformation basiert auf dem Wechselspiel der rechten und linken Hemisphäre.

Die Innovation (Idee) ist das geistige Produkt der Transformation. Sie ist die Konzipierung einer möglichen Problemlösung, die sich durch relative Neuheit auszeichnet, und sie wird anhand qualitativer, jedoch subjektiver Maßstäbe beurteilt (vgl. Abschnitt "kreatives Produkt").

Die Elaboration ist die Fähigkeit zur Planung und Ausarbeitung der Realisation. Sie ist sozusagen die phantasierte Handlung.

Die Realisation ist die eigentliche physische, d.h. produzierende Tätigkeit. Sie ist die Veräußerlichung ("Materialisierung") des geistigen Produkts. Dieses "materielle" Produkt kann sowohl abstrakter wie konkreter Natur sein (z.B. eine wissenschaftliche These oder ein Kunstwerk). In der Materialisierung gewinnt die innovative Idee ihre "kreative" (d.h. verändernde), sinnlich erfahrbare Wirkung.

Der Besitz von Fähigkeiten allein reicht jedoch nicht aus, um kreatives Handeln zu erklären. Vielmehr ist Kreativität ein mit Risiken verbundener Prozeß, dem eine Phase der "Ich-Diffusion" (Aufweichen der Ich-Grenzen) oder der Regression vorausgeht [13]. Welchen Gewinn muß sich ein Mensch also vom kreativen Handeln versprechen, daß er bereit ist, ein Risiko einzugehen? Die Antwort auf diese Frage ist das Maß seiner Motivation.

Eine Motivation löst eine Handlung aus, wenn ein zu erwartender Gewinn den Aufwand (Anstrengung, Risiko) rechtfertigt bzw. übersteigt. Je höher die Motivation, desto wahrscheinlicher eine Handlung.

Im Sinne Freuds bzw. reduktionierender Theorien werden Motivationen auf Bedürfnis- oder Mangelzustände (Ungleichgewichtszustände) zurückgeführt [14]. Diese Zustände erzeugen Spannungen, die einen Handlungsantrieb (Motivation) verursachen. Gleichgewichtsregulierung bzw. Spannungsreduktion können wir als grundlegendes Motiv menschlichen Handelns ansehen.

Folgende Bedürfnisse können in Anlehnung an E. Landau als wichtige Auslöser für Kreativität betrachtet werden: Problemlösung, Identitätsentwicklung und Selbstverwirklichung, Kommunikation, Spiel und Leistung [15].

Problemlösung ist die Fähigkeit, durch die Entwicklung neuer Verfahren und Verhaltensweisen ein vorher nicht erreichbares Ziel zu erreichen.

"Ein Problem sei dann gegeben, wenn ein Individuum ein bestimmtes Ziel erreichen will, jedoch nicht weiß, wie es zu diesem Ziel gelangen kann, also nicht auf wohlbekannte spezifische Verfahren, spezifische Techniken und Operationen zurückzugreifen vermag. Das Individuum sieht sich einem Hindernis, einer Barriere, einer Schwierigkeit gegenüber, für deren Überwindung die ihm zur Zeit verfügbaren Mittel und Maßnahmen nicht ausreichen."[16]

Das Bedürfnis nach Problemlösung basiert auf dem Wunsch, unbekannte, ggf. angstbesetzte Situationen durch die Entwicklung angemessener Lösungsstrategien zu bewältigen. Ein Problem kann verschiedener Art sein: eine "Lücke" in der Umwelt oder im bisherigen Wissensstand [17], eine vorgegebene Aufgabe oder ein selbstgestecktes Ziel. Entscheidend ist ein mangelnder Wissensstand, der eine unmittelbare Lösung verhindert und den Menschen zwingt, nach neuen Lösungswegen zu suchen.

Existentialistisch betrachtet ist Kreativität das "Produkt einer maximalen emotionalen Gesundheit [...], nämlich wie ein Mensch sich selbst verwirklicht" [18]. G. Ammon schreibt: "Die Entwicklung einer eigenen Identität ist sicherlich die wichtigste schöpferische Aktivität eines Menschen und die Basis seiner kreativen Tätigkeit überhaupt." [19]

Selbstverwirklichung ist die bewußte Realisation des Selbstkonzepts. Das Selbstkonzept ist der Entwurf des eigenen Ichs [20], und in der Selbstverwirklichung verleiht der Mensch seinem Ich Ausdruck. Kreativ handelnd erfährt er sich als unterschiedlich von anderen und entwickelt ein Gefühl der Identität. Identität ist jedoch nicht als "feste" Größe zu verstehen, sondern als fortlaufende, lebenslange Veränderung, die sich in Anpassung an die Lebenssituation immer wieder neu vollzieht.

Zur Erfassung seiner Welt und zum Entwurf eines Selbstbildes benötigt der Mensch jedoch zuverlässige Informationen von außen. C. Argryris schreibt dazu: "Hinsichtlich seines Selbstbewußtseins ist der Mensch auf zuverlässige Informationen durch andere angewiesen. Seine Erfahrungen können nur vermittels konsensorischer Bestätigung durch andere verbindlich werden (Sullivan 1949)"[21].

Daraus läßt sich das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation ableiten. Kommunikation als Mittel der Informationsbeschaffung ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität, aber Kreativität ist auch selbst ein kommunikativer Akt. "Wenn man [...] akzeptiert, daß alles Verhalten [...] Mitteilungscharakter hat, [...], so folgt daraus, daß man [...] nicht nicht kommunizieren kann." [22] Kreatives Handeln bietet dem Menschen die Möglichkeit, sein Ich und seine inneren Vorgänge mit Hilfe von Medien zu externalisieren und der Umwelt mitzuteilen, aber auch die Chance, die eigene Wahrnehmung und eigenes Wissen zu überprüfen.

Auch das Spiel stellt ein wesentliches Bedürfnis des Menschen dar. Spiel ist die "menschliche [...] Fähigkeit, Modellsituationen zu schaffen, um darin Erfahrungen zu verarbeiten und die Realität durch Planung und Experiment zu beherrschen". [23] Das Spiel ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Erlernen, Erproben und Entwickeln von Handlungsstrategien. Spiel erfordert einen geschützten, zwanglosen Rahmen. In diesem Raum lernt der Mensch gefahrfrei die Bewältigung und Erfahrung seiner Umwelt. Kreativität ist eine Form des Spiels. Kreativ handelnd kann der Mensch experimentieren, Erfahrungen sammeln, Reaktionen bewirken und seine Fähigkeiten erproben.

Leistung ist ein weiteres wichtiges Bedürfnis. Sie führt zu Anerkennung und kann dem Wettstreit und der individuellen Abgrenzung dienen. Sie kann äußerlich motiviert und z.B. auf Anerkennung und Selbstbestätigung gerichtet sein oder aber einem inneren produktiven Bedürfnis entspringen.

Neben den Fähigkeiten und Motivationen einer Person beeinflussen ihre Persönlichkeitsmerkmale, aber auch ihre Einstellungen das Maß ihrer Kreativität. Persönlichkeitsmerkmale bezeichnen die natürlichen, unveränderlichen Charaktereigenschaften eines Menschen und sind als feste Größe eines Individuums zu betrachten. Einstellungen sind die Basis unserer subjektiven Realität und dienen unserer Orientierung. Sie sind Prädispositionen, auf Reize mit bestimmten, erlernten Urteilen zu reagieren. [24] Sie bestimmen unsere Handlungen und Wahrnehmung maßgeblich, sind erlernt, emotional getönt und nur teilweise bewußt.