Der kreative Prozess
Der kreative Prozeß ist ein zielgerichteter, störanfälliger Prozeß bestehend aus dem Wechselspiel gegensätzlicher Elemente. Er enthält bewußte und unbewußte, affektive und kognitive, regressive und progressive, rechts- und linkshemisphärische Elemente, die in komplexer Weise ineinandergreifen. Der kreative Prozeß kann verstanden werden als eine Kette von Verhaltensweisen eines Individuums in seiner physikalischen und sozialen Umwelt. Negative Umwelteinflüsse können ihn blockieren.
Der Prozeßverlauf läßt sich durch vier Hauptphasen beschreiben [32]:
- Problemwahrnehmung
- Problemdefinition
- Lösungssuche
- Problemlösung
Auslöser des Prozesses ist die Wahrnehmung einer Spannung im affektiven Bereich. Mit Hilfe der Kognition wird diese Spannung begrifflich erfaßt und benannt. Der Wunsch nach Spannungsreduktion erzeugt Handlungswillen und initiiert die Phase der Lösungssuche. Die Lösungssuche vollzieht sich parallel bzw. abwechselnd in bewußten und unbewußten, rechts- und linkshemisphärischen Prozessen. Das Problem sowie das verfügbare Wissen (Informationen) werden im Hinblick auf Lösungsmöglichkeiten linkshemisphärisch analysiert und bewertet. Reicht das Wissen nicht aus, erfolgt zwecks "Wissenserweiterung" die Transformation. Durch experimentelle (rechtshemisphärische) Umstrukturierung des Vorhandenen wird ein Überschuß alternativer Lösungsmöglichkeiten erzeugt. Eine Lösung, die intuitiv als "richtig" oder "brauchbar" erkannt wird, tritt im Moment der Illumination ("Erleuchtung") ins Bewußtsein und wird dort linkshemisphärisch einer "Realitätsprüfung" (Verifikation) unterzogen. Wird die Lösung als brauchbar oder richtig bewertet, erfolgt die Phase der Problemlösung. Die gefundene Lösung soll in Handlung umgesetzt werden. Es erfolgt die Planung und die Realisation. Die Planung ist die gezielte Vorbereitung der Realisation. Die Realisation ist das eigentliche Moment der Handlung: die Idee wird in die Tat umgesetzt, das Problem wird gelöst.
Nach tiefenpsychologischer Deutung ist der kreative Prozeß ein Akt der Selbstheilung, der Identitätserweiterung und der bewußten Regression [33]. In der Regression weichen sich die Ich-Grenzen vorübergehend auf, und das Ich findet einen Zugang zum Material des Es. Während der kognitiven Ausarbeitung der Lösung gewinnt das Ich seine Kontrollfunktionen zurück. Es neutralisiert, sublimiert und legitimiert die Triebe des Es durch gestalterische Verfremdung. Im Schritt der Realisation integriert das Ich die neuen Erfahrungen in die Realität. Dadurch verharrt es nicht in der Regression, sondern lenkt die regressive Erfahrung um in Progression. Gerade in der Progression besteht die Chance des kreativen Prozesses für die Sozialarbeit.
Der kreative Prozeß kann durch Blockaden (Hemmungen) gestört werden. Blockaden sind Formen der Angstabwehr. A. Dührsen schreibt:
"Man spricht vom Zustand der 'Gehemmtheit', wenn ein Mensch einen Impuls 'verdrängen' mußte und er somit eine Handlung nicht mehr wagt, ja nicht einmal mehr phantasiert, die er ohne früh erworbene Angsttönung jetzt ungefährdet wagen würde und wagen dürfte." [34]
Wie oben erwähnt, erfordert Kreativität emotionale Risikobereitschaft. Ausgeprägte Ängste minimieren diese Bereitschaft und beeinträchtigen die Entfaltung von Kreativität in besonderem Maße.
Es können verschiedene Formen von Blockaden unterschieden werden: die kognitiven, emotionalen und kulturellen Blockaden [35].
Kognitive Blockaden sind Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten. Nach G. Rico basieren sie auf einem gestörten Wechselspiel der Hemisphären (vgl. Abschnitt "Person"). Sie können auftreten z.B. in Form von
- Verzerrung oder Blockierung der Wahrnehmung
- rigidem, unreflektiertem Problemlöseverhalten oder
- "Blackout" (völlige Denkblockaden, verursacht z.B. durch übermäßigen Zeit- oder Leistungsdruck)
- Emotionale Blockaden beziehen sich auf Formen individueller Ängste und Befürchtungen: Angst vor Schweigen, Ablehnung, Einsamkeit usw. Sie treten beispielsweise auf in Form von
- Phantasielosigkeit
- Vorurteilen
- Passivität oder
- übertriebenem Sicherheitsstreben.
Kulturelle Blockaden basieren auf kulturbedingten Normen und Werten in Form von Geboten oder Verboten. Sie bestehen z.B. in
- Rollenklischees
- Vorurteilen
- "Geniekult" (Bewunderung des "Genies" und gleichzeitige Abwertung der eigenen Fähigkeiten)
- Konformismus oder
- "Arbeit-Spiel-Dichotomie" [36] (Trennung Arbeit/Spiel)
Kreativität kann sich erst dort entfalten, wo diese Blockierungen erkannt und deren Ursachen behoben werden.
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