Schreibstimuli im Kreativen Schreiben
Schreibstimuli regen die sinnliche Wahrnehmung und die körperliche und geistige Tätigkeit an und stehen in naturalistischer Tradition [82] (vgl. Abschnitt "Schriftliche Poesie"). Sie erleichtern den Umstieg vom Alltag in die Schreibsituation. Als Schreibstimulus eignet sich prinzipiell alles, was die Sinne anregt, die bewußte Wahrnehmung fördert und eine angenehme Schreibatmosphäre erzeugt. Besonders geeignet sind visuelle und akustische Stimuli, wie z.B. Texte, Musik, Bilder, persönliche Gegenstände mit Erinnerungswert u.a.m. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser wird der ganze Mensch am Schreibprozeß beteiligt. Auch die Vorgabe von Stichworten oder von Textanfängen regt das Schreiben an. Hierbei kann es sich um einzelne oder mehrere Stichworte handeln, die entweder als Ausgangspunkt für ein Cluster dienen können (s.u.) oder direkt in einen Text umgesetzt werden. Die Stichworte können willkürlicher Art sein oder thematisch miteinander in Verbindung stehen.
Beispiele:
- Verfassen Sie einen kurzen Text zu den Stichworten Kinderlachen - Dieb - Melonen.
- Verfassen Sie einen kurzen Text zu den Stichworten Macht/Ohnmacht.
- Ergänzen Sie den folgenden Satz zu einer kurzen Geschichte: "Eines Morgens verlor mein Vater seinen Kopf ..."
Auch Körperarbeit kann als Stimulanz dienen [83]. Sie kann erfolgen in Form von Tanz, Pantomime, Rollenspiel oder auch durch Schreiben mit der schreibungewohnten Hand oder großformatiges Schreiben in der Luft oder auf Wänden.
Goethe praktizierte die Schreibreise [84]. Reisen stellt einen Perspektivenwechsel dar, erweitert das Wissen, und die Vielzahl neuer Eindrücke fördert die Infragestellung des Bekannten. Sie können schriftliche Verarbeitung anregen. Der Schreibreise verwandt ist das naturalistische Schreiben "vor Ort". Hierbei begibt sich der Schreibende unmittelbar zu einem Platz, den er beschreiben und dessen Eindrücke er verarbeiten will.
Die Phantasiereise [85] ist ein komplexes Verfahren zur Belebung imaginativer Kräfte. Sie übt die Konzentration auf sinnliche Vorstellungen. Die konzentrierte Introspektion (Innenschau) erzeugt vor dem geistigen Auge Eindrücke sinnlicher, lebendiger Art und ermöglicht das Ausphantasieren jeder denkbaren Situation. Die während der Phantasiereise aufgebauten Vorstellungen werden unmittelbar anschließend in einen Text umgesetzt. Die Phantasiereise ist nur mit mindestens zwei Personen möglich, da ein "Reiseleiter" die Phantasiereise durch ständige mündliche Anregungen steuert.
Beispiel: "Stell Dir vor, Du bist ein Vogel. Du fliegst über ... und siehst ...".
Vor Beginn der Phantasiereise sollte der Leiter den Schreibenden in die Phantasiewelt einführen und bei Beendigung wieder zurück in die Alltagssituation führen. Förderlich ist eine imaginationsfördernde Atmosphäre (entspannte Sitzhaltung, Schließen der Augen, bewußte Wahrnehmen des eigenen Körpers). Die Phantasiereise ist hilfreich in Phasen des Phantasiemangels sowie am Anfang von Schreibgruppen.
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