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postheadericon Schreibspiele im Kreativen Schreiben

Schreib- und Sprachspiele dienen unterschiedlichen Zwecken. Sie beleben die Lust an der Sprache, unterstützen Textarbeit, verfeinern das Sprachgefühl, fördern individuelle Sprache, erproben literarische Gestaltungsmöglichkeiten und haben geselligen, kommunikativen Charakter. Der experimentelle Umgang mit Sprache durchbricht alltägliche, routinierte und oft unbewußte Ausdrucksweisen. Sprache als tendenziell fixiertes System gerät in Bewegung. Utopie, Phantasie und Fiktion können erprobt werden.

Es gibt umfangreiche Sammlungen an Schreibspielen, die sich nicht mehr systematisch und vollständig erfassen lassen, da sie beliebig kombinierbar und flexibel zu gestalten sind [95]. Außerdem sollen im kreativen Schreiben Schreibspiele nicht nur ausprobiert, sondern auch erweitert und neu erfunden werden. Das Festlegen neuer Regeln macht den besonderen Reiz aus. Denn: "Erst die Regel macht das Spiel zum Spiel." [96]

Es gibt verschiedene Formen des Schreibspiels, wie z.B. Wortspiele, lyrische Spiele, Phantasiespiele, Prosaschreibspiele, Reihumspiele, Zufallsspiele oder Verwandlungsspiele. Einige sollen hier vorgestellt werden.

Wortspiele kannte man bereits in der Antike [97]. Antike Schreibspiele sind z.B. das Palindrom, das Anagramm oder das Lipogramm. Das Palindrom (griech. palindromos = rückläufig) besteht aus einem Wort oder einem Text, der sowohl vorwärts als auch rückwärts gelesen einen Sinn ergibt (Anna; Reliefpfeiler; Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie). Das Anagramm ergibt durch Umstellung der Buchstaben eines Wortes ein neues sinnvolles Wort, wobei kein Buchstabe weggelassen oder hinzugefügt werden darf (Rabe => aber). Das Lipogramm besteht aus einem Text, in dem ein bestimmter Buchstabe nicht verwendet werden darf.

Lyrische Spiele erfolgen nach bestimmten Reim- oder Silbenschemata (z.B. in Form des Sonetts). Sie können ernsthaft, lustig oder unsinnig sein. Eine besondere Form des lyrischen Spiels ist das japanische Haiku. Es ist ein Dreizeiler, der eine einzelne, konkrete Naturerscheinung beschreibt [98]. Die erste und die dritte Zeile bestehen aus fünf, die zweite aus sieben Silben. Jedes Haiku muß ein Wort enthalten, das auf die Jahreszeit verweist, die es beschreibt. Sein Schreiben hat eine meditative Funktion.

Prosaschreibspiele sind auf längere Texte ausgerichtet. Sie können bestehen in einer Kurzgeschichte, einem Kitschroman, einer Skizze, einer Erzählung, einem Dialog, einem imaginären Briefwechsel, Personenportraits, kurzen Theaterszenen u.v.m. Als Kollektivschreibspiele können sie z.B. durch Reihumschreiben oder verteiltes Schreiben praktiziert werden.

Bekannte Formen des Reihumspiels sind das surrealistische Zufallsspiel "le cadavre exquis" (dt.: die köstliche Leiche) oder die "Zettellawine". "Le cadavre exquis" erfolgt auf einem Blatt Papier. Jeder Teilnehmer schreibt einen Satz auf, knickt das Geschriebene um, so daß der Nächste es nicht lesen kann und reicht das Blatt weiter. Der nächste Teilnehmer schreibt seinerseits einen Satz usw. Das Resultat ist ein willkürlicher, witziger Text. Die Zettellawine funktioniert analog, erfolgt jedoch offen, so daß die einzelnen Mitspieler die Geschichte bewußt weitererzählen können.

Das Verwandeln von Texten geht von einem fremden Text aus und verwendet seinen Inhalt als Ausgangspunkt für Texte verschiedener Sorte. So kann ein Zeitungsartikel in ein Märchen, eine futuristische Geschichte, eine Parodie, ein Kochrezept, ein Telegramm, einen Brief u.v.m. verwandelt werden [99].

Phantasieschreibspiele sind der Phantasiereise verwandt. Sie dienen der Entfaltung der Wahrnehmung und eröffnen fremde Welten, fremde Denkweisen und die Welt der eigenen Phantasie. Als Ausgangspunkt eines Phantasieschreibspiels dienen konkrete Vorgaben, z.B. in Form von Tieren, Ländern, oder magischen Zauberworten, die sich der Schreibende vorstellen kann, sich mit ihnen identifizieren oder aus denen er eine Geschichte entwickeln kann. Auch hier ist den Kombinationsmöglichkeiten und der Entfaltung der eigenen Ideen keine Grenze gesetzt.