Gelenkte und ungelenkte Schreibtechniken
Die kreativen Schreibtechniken werden unterteilt in ungelenkte und gelenkte Schreibtechniken.
Die ungelenkten Schreibtechniken sind besonders für den Einstieg ins kreative Schreiben und zur Produktion von "Rohtexten" geeignet. Sie fördern den Zugang zur rechten Hemisphäre (vgl. Abschnitt "Person") und setzen Emotionen, innere Bilder und unbewußte Anteile frei. Sie zeichnen sich durch schnelles, unzensiertes und regelloses Schreiben aus und verzichten auf Logik, Form und Struktur. Nichts wird korrigiert. Durch die Schnelligkeit des Schreibens werden tiefere Schichten des Bewußtseins freigelegt, die Vernunft wird weitestgehend ausgeschaltet. Der authentische Inhalt steht im Vordergrund.
Ungelenkte Schreibtechniken bringen lebendige, intensive und bilderreiche Texte hervor. Sie basieren auf einer Haltung gelöster Konzentration und setzen ein geistiges Wach- und Erregtsein voraus. Im therapeutischen Bereich werden sie besonders häufig verwendet. Da aufgrund ihrer tiefen emotionalen Wirkung jedoch die Gefahr einer Regression besteht, sollte ihr Einsatz zeitlich eng begrenzt bleiben (5-10 min.) bzw. in intensiver Form nur bei therapeutischer Ausbildung eingesetzt werden.
Im Sinne kontinuierlicher Schreibentwicklung sollten Produkte ungelenkten Schreibens als "Rohmaterial" angesehen werden. In der Regel besitzen sie nur für den Schreibenden, nicht jedoch für einen Leser einen Wert. Selbstverständlich ist es möglich, solche Texte unverändert zu lassen; im Sinne präzisen Ausdrucks bedürfen sie jedoch der Überarbeitung.
Ungelenkte Schreibtechniken verlangen vom Schreiber eine Steigerung seiner Aufmerksamkeit für innerpsychische Vorgänge und die Ausschaltung der Kritik, mit der er auftauchende Gedanken normalerweise selektiert. Sie erfordern je mehr Gewöhnung und Übung, desto stärker ein Mensch daran gewöhnt ist, kontrolliert, d.h. linkshemisphärisch zu denken und zu handeln. Die Schulausbildung ignoriert diese Schreibtechniken weitgehend, und so sind sie den meisten Menschen unvertraut. Erst wenn der Schreibende ein neues Verständnis des Schreibens gewinnt, kann er seine kreativen Schreibfähigkeiten weiter ausbauen. Formen ungelenkter Schreibtechniken sind die freie Assoziation, das imaginative und das automatische Schreiben.
Die freie Assoziation wurde erstmals von E.P. Farrow dargestellt. Ihre Grundregel lautet: "Schreiben Sie alles auf, was Ihnen jetzt in den Sinn kommt. Zensieren Sie nicht. Überlassen Sie sich dem Fluß der Einfälle. Schreiben Sie so rasch, wie Sie mit Ihren Einfällen schritthalten können."[86] Sie beginnt immer bei der Gegenwart und an der Oberfläche des Bewußtseins, kann aber bei regelmäßiger Anwendung tieferliegende Erinnerungen freilegen.
Das imaginative Schreiben ist "tagträumerisches" Schreiben. Durch das Ausschalten der Zensur beginnen Tagträume frei zu laufen. Es dringt tiefer in unbewußte Schichten des Schreibenden vor als die freie Assoziation und kann in Schreiben in Trance übergehen.
Das automatische Schreiben ist die surrealistische Form des ungelenkten Schreibens [87]. Sie wurde 1919 erstmals angewandt von André Breton undPhilippe Soupault in ihrem surrealistischen Buch "Les champs magnétiques". Es ist ein "bewußtloses" Schreiben, erfolgt im Halbschlaf, in Trance oder unter Hypnose. Es lebt vom "Schreibdiktat" und soll dadurch erreicht werden, daß man sich "in den passivsten oder den rezeptivsten Zustand" [88] versetzt, dessen man fähig ist. Das Schreiben geschieht dann "wie von selbst".
Die gelenkten Schreibtechniken kennzeichnen sich durch die bewußte Bewertung und Gestaltung des Geschriebenen und durch die Berücksichtigung von Form und Logik. Sie vollziehen sich im Wechsel kognitiver und nichtkognitiver sowie rechts- und linkshemisphärischer Elemente (vgl. Abschnitt "Kreativer Prozess").
Gelenkte Schreibtechniken werden im kreativen Schreiben mit zunehmender Schreibentwicklung verstärkt eingesetzt, wenn der Schreibende bereits eine gewisse Schreibfähigkeit besitzt. "Rohtexte" können nun bewußter gestaltet werden. Inhalte werden in ein sinnvolles Nacheinander gebracht. Je wichtiger dem Schreibenden die Verständlichkeit seines Textes ist, desto wichtiger wird die bewußte Gestaltung.
Das träumerische Schreiben steht noch im engen Zusamenhang mit den ungelenkten Schreibtechniken, wird jedoch gezielter eingesetzt. Es basiert auf dem exakten Führen eines Traumtagebuches. Zu den Träumen werden dann weitere Einfälle gesammelt. Beides wird schließlich in einem Text verarbeitet. Typische Elemente des träumerischen Schreibens sind die Verfremdung, Verdichtung, Verschiebung, Umkehrung und Symbolisierung [89].
Auch das Clustering weist noch Elemente des ungelenkten Schreibens auf. Es ist ein assoziatives und nichtlineares Brainstormingverfahren, das von G. Rico entwickelt wurde [90]. Die Vorgänge des divergenten Denkens werden auf diese Weise visualisiert, und das Cluster wird dem eigentlichen Schreiben vorgeschaltet. Es funktioniert folgendermaßen:
Ein Reiz (Bild, Text o.a.) erzeugt einen "dominanten Eindruck", der als Kernwort den Ausgangspunkt des Clusters bildet. Dieses Kernwort schreibt man in die Mitte eines großen Blattes. Durch gedankliches "Umherschweifen" bilden sich Ideen und Assoziationen, die in Form von weiteren Worten oder Sätzen um das Kernwort gruppiert und mit Pfeilen oder Linien verbunden werden. Das Cluster kann solange fortgesetzt werden, bis genug Material zum Schreiben vorhanden ist. Das abgeschlossene Cluster dient als Basis, d.h. Orientierungshilfe und Stimulanz für den Text. Dabei brauchen nur die Elemente des Clusters verwendet werden, die dem Schreibenden für seinen Text wichtig sind.
Das Clustering läßt sich vielseitig variieren. Besondere Formen des Clusters sind z.B. das Widerspruchscluster oder das Wiederholungscluster. Im therapeutischen Bereich kennt man auch das Märchencluster [91]. Das Widerspruchscluster basiert nicht auf einem Kernwort, sondern auf einem Gegensatzpaar (hell/dunkel, groß/klein). Das Wiederholungscluster ist ein erneut durchgeführtes Cluster zu einem gleichen Kernwort. Es kann der Präzisierung des ersten Clusters dienen. In Unterclustern können einzelne Bereiche eines Clusters detailliert werden. Das Märchencluster arbeitet entsprechend der Stationen des Märchens mit einem Märchenhelden und drei Unterclustern: Anfang, Suche und Lösung eines Problems. Es soll jedoch nur bei glücklichem Ausgang verwendet werden.
Ein Cluster kann sowohl von einem einzelnen als auch von einer Gruppe erstellt werden. Es ist nur für den Schreibenden bzw. die Gruppe bestimmt.
Da Clustering die Fähigkeiten der rechten Hemisphäre aktiviert, ist es besonders geeignet für den Einstieg ins Schreiben und zum Abbau kognitiver Blockierungen. Es eröffnet dem Schreibenden den Zugang zu seinem kindlichen Ideenreichtum, zu bildhafter Sprache und zu seiner Phantasie. Darüber hinaus fördert Clustering die Geschlossenheit von Texten. Es kann immer als erster Schritt der Textproduktion eingesetzt werden.
Collagetechniken sind eine weitere Form gelenkter Schreibtechniken. Collagen arbeiten mit Zerstückelung, Rekombination und Entfremdung vorhandenen (Text-)Materials. Es besteht die Möglichkeit der Textcollage oder der kombinierten Collage (z.B. Text und Bild). Die Variationsmöglichkeiten sind vielfältig[92].
Das imitative Schreiben arbeitet nach Textvorlagen. Es wird auch "analoges Gestalten" genannt [93]. Fremde Texte dienen als Vorlage und ästhetische Muster. Die eigenen Texte lehnen sich in Form und Struktur an die Vorlage an. Hilfreich ist, wenn das Thema der Vorlage das Interesse des Schreibenden weckt. Das Umschreiben von Vorlagen eignet sich als erstes Training, als Inspiration und Motivation und als Weg, um ein sicheres Gefühl für Texte zu gewinnen. Gerade dem Anfänger hilft es, sich stufenweise vom Vorgegebenen zu lösen.
Weitere typische kreative Schreibtechniken sind das kollektive, das autobiographische und das literarische Schreiben.
Kollektive Schreibtechniken sind das Reihumschreiben, das abwechselnde Schreiben oder das verteilte Schreiben (jeder schreibt einen Teil). Kollektive Schreibformen sind z.B. der Gruppenroman oder das Gruppentagebuch.
Autobiographische Schreibtechniken orientieren sich an den Stationen eines Lebenslaufs, an seinen Krisen und Schlüsselerfahrungen. Sie zielen auf Selbsterkenntnis, Erinnerung und Vergegenwärtigung der eigenen Lebensgeschichte. Formen autobiographischen Schreibens sind z.B. die Lebenskurve (Aufzeichnen des Lebensverlaufs mit Höhen, Tiefen und Wendepunkten in Diagrammform), das Personenportrait (z.B. von Familienmitgliedern), chronologische Tagesabläufe, das Tagebuch oder die Autobiographie. Konsequentes autobiographisches Schreiben setzt ein relativ starkes, unabhängiges Ich voraus, welches die Spaltung in regredierende und interpretierende Anteile aushält. Es kann schnell zu Blockaden führen. Eine Gruppe von Gleichgesinnten und der gegenseitige Dialog wirken hier fördernd und stützend.
Literarische Schreibtechniken greifen alte literarische Formen der Produktion wieder auf (vgl. Abschnitt "Poesieproduktion"). Im Bereich der archaischen Dichtung können thematisch z.B. Mythen bearbeitet werden, oder archaische Séancen können in rollenspielähnlichen Szenarien nachempfunden werden. In Texten kann mit Wortwiederholungen oder wiederkehrenden Beschwörungsformeln gearbeitet werden. Aufgrund ihrer regressiven Wirkung sollten sie nur dosiert und vorsichtig verwendet werden. Weitere Formen sind z.B. das naturalistische, das expressionistische oder das surrealistische Schreiben. Hierbei geht es darum, Texte nach den betreffenden Epochenregeln zu schreiben, also z.B. naturalistisch "vor Ort" oder surrealistisch mit automatischem Schreiben.
| < Zurück | Weiter > |
|---|