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Sara hatte weiche Knie bekommen. Den ganzen Tag des Wartens war sie ruhig geblieben. Auch die Probe hatte sie gut überstanden. Und die Spekulationen der anderen hatten sie unberührt gelassen.

Doch nun waren die Hände feucht, der Puls raste, und ihre Stimme klang ganz brüchig. Wieso nur hatte sie zugesagt? Ihr war elend zumute.

Scheinwerferlicht überzog den halbrunden Raum. Zwölf Pulte bildeten einen Halbkreis und stellten die gesamte Kulisse dar. Dahinter, bunt angestrahlte Stoffwände. Im Vorderteil des Raumes, gleich links neben dem Eingang, die Technik. Reichlich Technik, wie Sara fand.
Sie warf einen mißtrauischen Blick auf die anderen Kandidaten. Waren die denn nicht nervös? Besonders Karin aus Mülheim war fast aufdringlich in ihrer Sicherheit. Scheußlich war das, einfach scheußlich.

Die Kandidaten wurden an ihre Plätze gebeten. Pult sieben war ihre Position, das wußte sie aus der Proberunde. Ihr Name stand in Leuchtschrift darauf.

Hätte sie das nur geahnt.

Ohne Unterlaß murmelte Sara leise ihren Text. Nichts war größer als die Angst, ihn zu vergessen. Man sollte ihn auswendig sagen, nicht frei improvisiert.

Das war das Schlimmste. Sie war nie gut darin gewesen, auswendig etwas aufzusagen. Und in letzter Zeit hatten panische Prüfungsängste sie immer öfter befallen. Lampenfieber. Black Out. Völlige Leere. Sara würde kläglich versagen, da war sie ganz sicher. Und alle, wirlich alle würden es sehen.

Der Maskenbildner huschte geübt zu den letzten ungepuderten Nasen, dann machte er die Bühne frei.

Letzte Anweisungen der Regie. Lehnen Sie nicht gegen die Pulte. Trommeln Sie nicht mit den Fingern gegen das Mikro. Sprechen Sie in Zimmerlautstärke und schreien Sie nicht. Blicken Sie freundlich. Die Sendung macht Ihnen doch Spaß. Viel Glück!

Dann das Signal der Regie. Kamera - läuft.

Nacheinander stellten sich die Kandidaten vor. Genau wie sie es geübt hatten. Kandidatin eins leierte ziemlich an ihrem Spruch, und Sara fand, daß es nicht besonders echt klang.

Die Kamera wanderte weiter, ohne einen Schnitt. Alle blickten in die Linse, alle sprachen fehlerfrei.

Fehlerfrei.

Sie merkte entsetzt, wie Lähmung sie befiel. Fast ausufernde Panik. Welche Teufel hatten sie geritten? Wieso nur war sie hier?

Völlig gebannt, wie ein hypnotisiertes Kaninchen, blickte sie der Katastrophe entgegen. Noch drei Kandidaten trennten sie vom Scheitern. Sie wünschte, in Ohnmacht zu fallen, die Flucht zu ergreifen. Alles, nur weg hier!

Stattdessen beschwor sie im Kopf ihren Text.

Jetzt war das Mädchen neben ihr dran. Ihr erster Satz, ihr zweiter ...

JETZT war Sara an der Reihe.

Sie blickte in die schwarze Kamera. Ihre Gesichtszüge entgleisten. Sie konnte es nicht verhindern. Nach Weinen war ihr zumute, nach panischer Flucht. Dabei sah sie ihr eigenes gequältes Lächeln vor Augen, ihre nervös klappernden Lider. Scheußlich fand sie das alles. Einfach scheußlich.

Sie suchte nach den ersten Worten. Für eine Schrecksekunde fiel ihr nichts ein. Ihre Panik wurde größer. Nichts. Ihr Text war wie weggeblasen.

Sie atmete tief. Entspann´ Dich, redete sie sich selbst zu. Ganz locker, dann funktioniert es schon.

Und auf einmal wußte sie den ersten Satz. Der Rest war dann leicht.

"Ich vertrete heute Siegburg, mein Name ist Sara, und ich bin Bibliothekarin."

Ihre Stimme hatte gezittert, und sie hatte sich viel zu heftig gegen das wackelige Pult gelehnt, doch sie hatte es geschafft. Für einen Moment verspürte sie Stolz. Dann, tiefe Erleichterung. Das Schlimmste war vorüber.

Doch plötzlich erklang die Stimme aus der Regie.

"Noch einmal, meine Herrschaften, ganz von vorn. Wir waren über die Zeit. Also fassen Sie sich kürzer. Und um Himmels willen, blicken Sie freundlicher!"

21. Dezember 1999