Farbenspiel
Ich betrachte diesen Garten in aller Ruhe. Er ist gesäumt von einer alten, lebendigen Steinmauer. Rechts und links von mir aus verläuft ein schmaler, gepflasterter Weg rund um diese Idylle.
Der Weg ist ausgetreten und von vielen Füßen im Laufe der Zeit glatt gescheuert worden - dort hinten führen ein paar Stufen zur Kapelle empor. Wieviele Menschen mögen diesen Weg schon gegangen sein?
Zwischen den beiden Wegen ist eine große Fläche mit hochstehendem Gras bewachsen. Die Blumen auf dem Rasen sprenkeln den Rasen; ich pflücke einige und winde sie zu einem Kranz. Gänseblümchen und Löwenzahn, dort Butterblumen und zartrosa Gewächse, deren Namen ich nicht kenne, ergeben eine fröhliche Staffelei. Schattenspendende Pilze, ein paar niedrige Obstbäume, spenden Schatten - willkürlich verteilt auf einer Fläche Lebens; zahllosen Insekten umschwärmen ihre zarte, weiße Blütenpracht und atmen die Luft der Freiheit. Der Ort strahlt Frieden aus, und obwohl er voller Lebewesen ist, ist alles wunderbar still. Selbst die murmelnden Stimmen vereinzelter Besucher verschmelzen mit der frühlingshaften Idylle.
Rings um die Mauer ist Wildnis. Efeu bedeckt Stein um Stein, und Moose bilden einen weichen Grund für einen stillen Betrachter wie mich.
Ich verliere jede Identität, verschwimme mit der Natur, bin nur Empfinden.
Und als ich die Augen schließe, begreife ich, daß Farben sind.
Ich sehe den Baum vor mir, hier rechts neben dem schmalen Bänkchen. Das Spiel aus grün und weiß, den Blättern und den Knospen tanzt umeinander. Punkte um Punkte umschwindeln den Stamm, machen mich bei ihren bravourösen Tänzen schwindelig. Ein Reigen folgt dem nächsten. Ich bin gebannt durch die Kräfte aller Bewegungen, und ich kann mich der Farben Wirkung nicht entziehen. Ich will nach ihnen greifen, aber auf der Stelle wird das natürliche Grün zu Feuerrot, und die Knospen verblühen, sobald ich sie mit den Fingerspitzen berühre, zu violetten Farbvulkanen, denen leuchtend gelbe Sonnen entspringen.
Wieder bin ich geblendet von der Schönheit dieses Bildes. Erneut greife ich danach, um mit allen Sinne zu spüren, wie sich ein Violett anfühlt, oder ob ein Hellgelb weicher ist als ein Dunkelrot. Jedoch kaum berühre ich die Hülle der Farben, so zerschmelzen sie zu einer grauen Flüssigkeit, die bald vom Stamm des Baumes herabtropft und an seinem Fuße eine traurige Pfütze bildet.
Als ich einen Stein hineinwerfen will, entwächst aus ihr ein kleiner Vulkan aus schwarzem Gestein, der nach einem Auswurf glasklarer Perlen zerfällt. Betroffen betrachte ich den Baum, der mir eben in seiner vollen Pracht seine neckischen Spiele darbot und nun, kahl und ohne ein Blatt, den Ausdruck des Todes trägt. Ich will schon aufstehen und fortgehen, als ich gebannt wieder auf mein Kissen sinke.
Die anderen Bäume des Gartens haben einen großen Kreis um ihren grauen Bruder gezogen und spielen nun ihrerseits ihr fröhliches Farbendurcheinander. Und als ich genauer hinsehe, stelle ich fest, daß die Farben ihren Ort verlassen; sie fließen zusammen wie ein Flußdelta, zerfließen in neuen Variationen, bilden Kreise, Spiralen, Ringe, gleiten gleich Seifenblasen durch die Lüfte, bilden Pracht und Schönheit überall. Ein Regenbogen leuchtet über den Kronen der Bäume. Und jene, welche vorher ihre Farben abgaben und vollkommen farblos gen Himmel ragten, erblühen zu neuer Pracht, bunter und schöner, als ein Auge es je sah.
Das Gras gleicht einer Kinderlandschaft, so bunt, wie nur Kinder zu sein vermögen. Die Tiere, die ich betrachte, wechseln jeden Augenblick ihre Erscheinung. Ein Marienkäfer, schillernd in den klarsten Spektralfarben, fliegt auf meine Hand. Ich sehe gebannt, wie seine Farbe weicht, sobald er landet. Als ich herabbblicke, ist meine Kleidung so bunt geworden, wie es zuvor der Käfer war. Dann hebt er seine Flügel und fliegt durch den Farbenwald. Und aufs Neue entfaltet er sich bunter und schöner, als er es je gewesen sein mag.
Ich betrachte all diese Schauspiele. Die Luft ist von Farben erfüllt. Längst habe ich es erkannt: Nicht daß ich mir an all die Farben merken kann, ist bedeutsam. Farben wollen genossen sein.
Und obwohl ich lange dort sitze und diese Bilder trinke, so sehe ich, daß sich die Farben zu wandeln vermögen, aber ich bin nur Betrachter. Wohl sind meine Kleider bunt wie der Käfer, mein Leib ist gleichwohl nicht frei für die Bewegung der Farben. Rundherum lebt das Bunte, doch ich biete keine Wege, um die Farben auf mir tanzen zu lassen. Ich mag diese Welt der Farben kaum mehr verlassen, dennoch weiß ich nun, was dies alles bedeutet.
Diese Farben sind nichts als widerstreitende Gefühle, die kommen und gehen. Und vergänglich ist alles, was ich hier an Schönheiten sah. Vergänglich, weil ich nicht fähig war, mich ihrer zu erinnern, einer herrlichen Farbenpracht. Was zählt, ist der Moment. Bald muß ich die Augen wieder öffnen, und der Zauber vergeht. Warum ist jener Baum, dort rechts neben dem Bänkchen, wieder so unabänderlich grün, warum die Knopsen weiß, der Stamm braun? Nur in der Phantasie behält die Farbe ihre Freiheit. Dort vermag sie alles zu zeigen. Noch genieße ich eine Weile den Tanz der Farbpalette, wundersames Vielerlei. Halte die Augen geschlossen.
Schon bald werde ich sie öffnen. Und ich weiß, ich werde einen Stein finden. Er wird äußerst unscheinbar sein. In Wahrheit aber beinhaltet er jede Farbe, die ich jemals sah. Ja, er wird sogar die Farben tragen, die je ein Lebewesen erahnen kann. Ich werde diesen Stein jedoch lange suchen müssen. Und alle seine Farben zu erkennen, braucht viel Zeit. Wenn ich diesen Stein gefunden habe, werde ich ihn fortan stets bei mir tragen. Und diesen Stein werde ich "Farbenspiel" nennen.
9. Januar 1989
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